Willkommen auf der Seite des DFG-Graduiertenkollegs Automatismen.

   

Graduiertenkolleg Automatismen

Kulturtechniken zur Reduzierung von Komplexität

 

Video 'Flight Patterns' by Aaron Koblin. Reproduction permitted by the author.

 
 

Automatismen sind definiert als Abläufe, die sich einer bewussten Kontrolle weitgehend entziehen. Es gibt sie auf der Ebene des individuellen und des kollektiven Handelns sowie im Umgang mit Technik. Da sie nicht auf Kreativität, Planung oder Gestaltung sondern auf Wiederholung zurückgehen, verbindet sich mit Automatismen die Vorstellung des Mechanischen.

Gleichzeitig funktionieren sie anders als technische Automaten: Es gibt keine Vordefinition, kein ‚Programm‘. Beispiel sind Prozesse der Habitualisierung und der Konventionalisierung; Konventionen und Gewohnheiten schleifen sich ein; was als Struktur zu beobachten ist, ist im Vollzug selbst entstanden. Und oft ist es die verteilte Aktivität Vieler, die solche Strukturen hervorbringt.

All dies macht Automatismen als ein Entwicklungsmodell interessant. Wo Planung oder Gestaltung zurücktreten, scheinen in vielen Fällen Automatismen wirksam zu werden. Automatismen bringen – quasi im Rücken der Beteiligten – neue Strukturen hervor. Dies zu zeigen war das Ziel der ersten Bewilligungsphase; an einer breiten Palette von Fallbeispielen haben die Doktorand/innen des Kollegs in ihren Projekten Automatismen im Feld der Medien, der Informationstechnik und der Kultur untersucht.

Diesen Ansatz will das Kolleg mit verändertem Fokus weiter verfolgen: Eines der Ergebnisse war, dass Automatismen eine Reduzierung von Komplexität leisten. Dies verleiht dem Thema zusätzliche Relevanz: Wenn sich die unterschiedlichsten Wissenschaften einig sind, dass Komplexität eines der herausragenden Probleme der Gegenwartsgesellschaften ist, liegt hier eine Chance, kultur-, gesellschafts- und techniktheoretische Perspektiven mit sehr konkreten Fragen der Medien- und Technikentwicklung zu verbinden. Wie in der ersten Phase ist das Projekt interdisziplinär angelegt: Auf Seiten der Betreuer/innen sind Kultur- und Sozialwissenschaften, Medienwissenschaften, Literatur- und Filmwissenschaft sowie die Informatik beteiligt; die Promovend/innen sollen ebenfalls aus diesen Feldern kommen.

Mit den ‚Automatismen‘ hat das Kolleg einen neuen Begriff in die Medien- und Kulturforschung eingebracht. Dass Automatismen Kulturtechniken sind, die jenseits von Bewusstsein, Intention oder Planung ihren Ort haben, macht die Besonderheit dieses Forschungsfelds aus.
 
 


Ringvorlesung Wintersemester 2015/16: Verkörperung und Materialisierung

Das Graduiertenkolleg Automatismen wendet sich im WS 15/16 dem Thema Verkörperung und Materialisierung von Automatismen zu. Uns interessieren die Verdichtungen und Widerstände, die entstehen, wenn Automatismen körperliche Materialitäten produzieren und mit diesen in Wechselwirkung treten. Dabei sollen auch jene Prozesse untersucht werden, die für automatisierte Abläufe und Routinen ‘störend’ wirken und sie prekär erscheinen lassen. 

Die Grunderkenntnis des Graduiertenkollegs, dass Automatismen im Rücken der Subjekte ablaufen, verweist unmittelbar auf Körperlichkeiten: automatisiertes Handeln und Organisieren steht im engen Zusammenhang mit der Somatisierung von Prozessen und Strukturen. Ähnlich wie die Begriffe der „Habitualisierung“ (Bourdieu) und „Performativität“ (Butler), bringt der Automatismenbegriff damit Routinen und Programme in den Blick, die durch Verdichtung und Einschreibung Individual- und Kollektivkörper hervorbringen und sozialen Normen und ‘Tatsachen’ eine naturhafte, dinglich-körperliche Gestalt geben. Der Schwarm als Bild der Selbstorganisation evoziert ebenso eine Körperlichkeit, wie das psychologische Konzept des „Körperschemas“ auf die Notwendigkeit von Automatismen für die Konstitution von Körperlichkeit verweist. Körperliche Materialitäten können durch Automatismen also prozesshaft gedacht werden, wie es auch der New Materialism vorschlägt: Körper erscheinen als Sedimentierungen unbewusst ablaufender Organisations- und Verfestigungsvorgänge.

Im Körperlichen zeigen sich nicht nur Verdichtung und Ablagerung von Handlungsroutinen – Automatismen treten hier auch ins Verhältnis zu Differenzen (wie Geschlecht, Ability, ‚Race‘), die Körper gesellschaftlich situieren. Verkörperungen zeigen das Potenzial gesellschaftlicher Situierung, darüber hinaus aber bieten sie auch spezifische Widerstände, Dynamiken und Angriffsflächen, die den Automatismen entgegen zu stehen scheinen: Schmerz und Gefühl gelten z.B. als somatische Einfallstore der Entautomatisierung und Unterbrechung von Routinen, da sie ins Bewusstsein rufen, was zunächst keiner bewussten Reflektion unterliegt. Zugleich können die Ausnahmezustände des Körperlichen in automatisierte Handlungen umschlagen: aus dem entgrenzenden Rausch wird die Routine der Sucht; die körperliche Agitation des Einzelnen mündet in die Eigendynamiken des Kollektivkörpers.

Mit diesen komplexen Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zwischen Körper und Automatismus wird sich die Ringvorlesung „Verkörperung und Materialisierung“ beschäftigen.

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Neue Publikationen des Kollegs:



Marion Näser-Lather and Christoph Neubert (eds.)

Traffic. Media as Infrastructures and Cultural Practices

Leiden and Boston: Brill 2015. (=At the Interface/Probing the Boundaries; Vol. 88)

xii, 255 pp. 15 Color illustr. Paperback. EUR 49.
ISBN13: 9789004299801, E-ISBN: 9789004298774

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Norbert Otto Eke, Lioba Foit, Timo Kaerlein, Jörn Künsemöller (Hg.)

Logiken strukturbildender Prozesse: Automatismen

2014, 292 Seiten, Kart., EUR 29,90 / CHF 40,00
ISBN: 978-3-7705-5730-1

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Annette Brauerhoch, Norbert Otto Eke, Renate Wieser, Anke Zechner, Hrsg.

Entautomatisierung

2014, 250 Seiten, Kart., EUR 29,90 / CHF 40,00
ISBN: 978-3-7705-5627-4

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Publikationen des Kollegs online verfügbar

In Absprache mit dem Wilhelm Fink-Verlag sind die ersten sieben Schriften des DFG-Graduiertenkollegs Automatismen jetzt als PDF-Versionen auf den Internetseiten der Universitätsbibliothek Paderborn bereitgestellt. Weitere Informationen zu den einzelnen Bänden sowie die jeweiligen Links zum Bibliotheksserver finden Sie hier.
 


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